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Heldinnen von heute, Klischees von gestern

„Wertvolle Kinder“: Medienpädagogin Maja Götz fordert für Mädchen und Jungen neue Freiräume abseits von Like-Marathon und Perfektionismus.

Es sei wesentlich, Kinder bei der Mediennutzung zu begleiten und unterstützen, betonte Maja Götz in der Reihe „Wertvolle Kinder“ des Vorarlberger Kinderdorfs, die diesmal bei Russmedia gastierte. Dazu müssten Eltern erst einmal ihren eigenen Medienkonsum reflektieren. Denn von Geburt an würden Kinder ihre Eltern verstrickt in die Nutzung vor allem digitaler Medien erleben. Entscheidend seien Regeln und zeitliche Begrenzungen. „Je klarer die Regeln am Anfang sind, desto positiver wirkt sich dies auf die Medienkompetenz der Kinder aus, desto weniger treten später Abhängigkeitseffekte auf“, so die Leiterin des Internationalen Zentralinstituts für Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) beim Bayerischen Rundfunk.

Mediale Vorbilder

Die Wissenschaftlerin ging auch auf die Bedeutung medialer Vorbilder ein: „Die Medienheld*innen unserer Kindheit sind Projektionsflächen für unsere Wünsche und Werte.“ Dass über die Hälfte der 16-jährigen Mädchen, die Germanys Next Top Model anschauen, gerne eine Mutter wie Heidi Klum hätten, sage viel darüber aus, welche Attribute die Identifikationsfiguren heutiger Mädchen erfüllen müssten. Cool, schön, fit, erfolgreich – als Mutter und im Beruf – Perfektion auf allen Ebenen laute das Credo. Gerade der Social-Media-Bereich sei eine Spielwiese für Selbstinszenierung, vorgegeben von durch Werbung finanzierte Influencer*innen. Vielen Mädchen fehle der kritische Blick, warnt Götz. „Sie fokussieren ihr Selbstwertgefühl auf Aussehen und Anerkennung und wachsen mit einem total schrägen Bild auf.“ Denn was als „echt“ dargestellt wird, ist das Ergebnis von Optimierungs- und Filter-Apps. „Etwa 20 Anläufe braucht es in der Regel, damit das Bild perfekt ist, also schön und natürlich“, sagt ein Mädchen, das Instagram für seine Selbstdarstellung nutzt. Es sei inzwischen kinderleicht, das Foto entsprechend der neuen alten Schönheitsklischees zurechtzuzimmern. Längere Beine, schmalere Taille oder Six-Pack bei den Jungs – kein Problem in der geschönten Medienwelt.

Es regt sich Widerstand

„Alle inszenieren sich auf die gleiche Weise“, erklärte Götz vor einem sehr jungen Publikum. Dabei geht es den jungen Selfie-Queens und kleinen Helden neben Anerkennung in erster Linie um Individualität. Im Web und auch sonst regt sich jedoch zaghaft Widerstand. So hinterfragt die Poetry-Slammerin Julia die stereotypen Geschlechterrollen und wundert sich: „Warum tut man sich das an, in einer Welt, in der man ICH sein kann?“ Dennoch bleibe es für Jugendliche eine ständige Anforderung, dem Like-Marathon zu widerstehen. Maja Götz plädiert dafür, Orte jenseits der Dominanz des Aussehens und ständiger Selbstoptimierung zu schaffen. Auch Jungen bräuchten dringend Freiräume, wo mit dem Klischee vom aktiven, starken Mann gebrochen wird, wo verschiedenste Männlichkeitsbilder zugelassen und Kommunikationskompetenzen gefördert werden.

Echt – das neue Cool?

Mehr Mut zum Widerstand sei gefragt und Fehler machen sollte Mädchen und Buben erlaubt sein in einer „sehr fehlerfeindlichen Kultur“. Was heißt dies nun für Eltern und Erziehende? Zuhören, verstehen und anerkennen, laute die Devise. „Sich zeigen lassen, was die Kids machen, herausfinden, welche Bedürfnisse hinter der digitalen Mediennutzung stehen, und nicht vergessen: In dieser schnelllebigen Medienwelt sind zuerst einmal unsere Kinder die Expert*innen“, so Götz. Ich nehme die Medienpädagogin beim Wort und schaue meiner bald 13-jährigen Tochter über die Schulter. Auf dem Küchentisch liegt zufällig die neue Bravo, die einen Artikel mit der Überschrift „Echt ist das neue Cool“ über Shawn Mendes bringt, den meine Tochter mag, ebenso wie den Schlabberlook von Billie Eilish und die Tänze von Charli D’Amelio auf TikTok. Die würden sie auch im Turnunterricht in der Schule nachtanzen.

Anerkennung und Respekt

Ob echt oder nicht, es bleibt anspruchsvoll, gemeinsam mit unseren Kindern durch die digital transformierte neue Welt zu navigieren. Letztlich geht es dabei laut Maja Götz immer darum, die Grundbedürfnisse unserer Kinder nach Anerkennung, Resonanz, Autonomie, Sicherheit und Respekt wahrzunehmen und unseren Töchtern und Söhnen zu vermitteln: So wie du bist, ist es wunderbar. Wie wahr!

Autorin:

Der Vortrag mit anschließender Diskussion kann in der Vokithek des Vorarlberger Kinderdorfs nachgehört werden. Zum Vortrag

Der Vortrag fand in Kooperation mit DORN Arbeitsbühnen statt.

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